Sonntag, 25. Mai 2008

Nix Engels - nix Gewinn

Nur mal so der Vollständigkeit halber:
gestern war wieder Eurovison Song Contest (the contest formerly known as 'Grand Prix Eurovision de la Chanson') und Deutschland ist mal wieder nur knapp dem letzten Platz entkommen. Es war eine basisdemokratische Entscheidung des europäischen Fernsehpublikums, und wir haben - zusammen mit Großbritannien und Polen - verloren.
Seit unsere europäischen Nachbarn keine Angst mehr zu haben brauchen, dass deutsche Panzertruppen per "Blitzkrieg" plötzlich vor der Tür stehen, sagen die uns inzwischen offen ihre Meinung. Und zwar genau das, was auch die Mehrzahl der hiesigen Plattenkäufer zu Humpta-Pop made in Germany sagt: "ist uns egal"!
Liebe Leserin, lieber Leser haben Sie sich in den vergangenen Wochen die Single der No Angels gekauft? Nein? Haben Sie auch nicht vor? Wieso sollte denn dann bitte irgendein griechischer, lettischer, russischer oder spanischer Fernsehzuschauer per Telefon seien Stimme dafür abgeben?
Egal, was die BILD-Zeitung und die Stammtische jetzt wieder mutmaßen werden. Beim großen, jährlichen, europäischen Wettsingen geht es wesentlich ehrlicher zu als in den deutschen Hitlisten. Das für unsere Jounaille völlig unverständliche Problem bei der Sache ist einfach nur, dass unsere Nachbarn die Musik ins Rennen schicken und später dann wählen, die sie selber gut finden. Wir (und die Briten sind da kein Stück besser) schicken einen Vertreter, der zwar gute Musik macht, aber dämliche Kostüme trägt (Texas Lightning), den Dean Martin für Arme spielt (Roger Cicero) oder eine Gruppe, die ihre Karriere längst hinter sich hat (No Angels). Zuerst nehmen wir diesen Wettbewerb nicht richtig ernst, regen uns dann hinterher aber doch wieder auf. Dafür, dass die Vertreter unserer Unterhaltungsbranche von der Bühne gelacht werden, braucht's allerdings nun leider wirklich keiner "Schiebung"...

Eine per Televoting zusammengestellte Fußballnationalmannschaft wäre doch auch nicht die zweite Mannschaft von Arminia Bielefeld, oder?


Dima Bilan: Believe (Sieger beim Eurovison Song Contest 2008)

Mittwoch, 21. Mai 2008

Technik für arme Leut'

Wenn man sich im Elektrofachmarkt umsieht, findet man sich heutzutage umringt von schnell und billig produziertem, zukünftigen Elektroschrott. Im Zeichen des Konsums steht nunmal weniger die Zufriedenheit des Kunden, denn die Gewinnmaximierung im Mittelpunkt. Und Qualität ist (abgesehen von Miele vielleicht) wirklich schlecht für's Geschäft. Was nützt mir bitte ein Kunde, der seine Geräte zehn, zwanzig, dreißig Jahre beschwerdefrei zu Hause stehen hat? Wo bleibt da mein Verdienst?

Nicht umsonst haben sich viele Hersteller von früher durchaus gängiger Unterhaltungselektronik (HiFi-Komponenten) auf ein Sortiment für Technikfetischisten und Besserverdiener verlegt (siehe unten). Sollte es heute aber immer noch junge Menschen und/oder Geringverdiener geben, die einer klassischen Stereo-Anlage zwar nicht abgeneigt - jedoch auch nicht übermäßig solvent und versnobt - gegenüber stehen, hab' ich mich mal umgesehen. Was haben die großen Hersteller denn im unteren Preissegment so zu bieten?

1) Der Plattenspieler:
Natürlich ist ein Plattenspieler kein HighTech-Produkt und riecht ein wenig nach väterlichem Hobbykeller. Hier verlangt auch niemand dem "Teufel" MP3 abzuschwören. Das Vinyl hat sich einfach als unkaputtbarer Klassiker erwiesen, denn MP3 steht für Bequemlichkeit und Mobilität, Vinyl ist langsam und sexy (und die CD ist tot)!

Pioneer PL 990 (vollautomatischer Stereo-Plattenspieler) UVP 159,- Euro
Technics SL-BD 20 (Halbautomat) UVP 179,- Euro

2) Der Verstärker:
Irgendwas muss ja Lärm machen und die Minilautsprecher des Handys klingen auch im kleinsten Zimmer vor allem eins - quäkig. Aber merke: die Wattzahl alleine macht noch keinen guten Verstärker!

Pioneer A-109 (Stereo-Vollverstärker 2x 30W) UVP 159,- Euro
Sony TA-FE 370 ("Verstärker der Einstiegsklasse"* 2x 70W) UVP 220,- Euro

3) Der CD-Spieler:
Die meisten unter uns Nachgeborenen werden wohl bedeutend mehr CDs als Schallplatten im Regal stehen haben. Auch wenn die Zukunft dieses Formats also nicht besonders rosig aussieht, kann eine Anschaffung als Teil einer neuen Anlage nicht schaden.

Denon DCD-500 AE UVP 229,- Euro
Sony CDP-XE 270 UVP 140,- Euro

4) Die Boxen:
Zusammen mit dem Verstärker bilden zwei gute Lautsprecher die Basis einer jeden Anlage. In vielen Fällen überleben die Boxen alle anderen Teile (ähnlich einem guten Computermonitor). Deshalb sollte man bei der Auswahl Sorgfalt walten lassen und auch mal im Fachgeschäft "Probehören" gehen. Nach der Lektüre von Audio lassen sich momentan anscheinend besonders diese empfehlen:

JBL Balboa 10 oder Northridge E 20 (jeweils 60W Dauer- und 240W Maximalbelastung)
Magnat Monitor 220 (75/150 Watt)

Übrigens: UVP heißt natürlich "unverbindliche Preisempfehlung". Die Preise dieser Komponenten sind im echten Leben meist noch wesentlich geringer. Zehn bis zwanzig Prozent müssten sich da durch einen kurzen Preisvergleich noch jederzeit einsparen lassen.
All jene, die dem Old-School-Charme ihrer Stereo-Anlage noch einen drauf setzen wollen, können beim nächsten Flohmarkt- oder ebay-Besuch auch die Augen nach einem gut erhaltenen Tapedeck (Cassette) offen halten. Es gibt auch noch Neugeräte, aber ob sich da noch/wieder eine Anschaffung lohnt!?!

P.S.: Normalerweise wäre garantiert auch noch das ein oder andere Produkt der traditionsreiche Firma Yamaha empfehlenswert gewesen, doch leider schießt deren Seite (yamaha-hifi.de) immer meinen Browser ab.

* Zitat Sony.de

Unseren täglichen Fetisch gib' uns heute...



Am vergangenen Wochende stand ich wieder einmal vor dem Zeitschriftenregal des örtlichen Fachhändlers und suchte eine Lektüre. Ich bin in solchen Dingen wirklich ein über alle Maßen verzogenes Kundendings, dem es die deutschen Medienkonzerne bei aller Anstrengung nicht recht machen können. Überall wo ich hinsehe: nur Dünnsinn und Papiervergeudung.
Meine Wahl fiel dann unter anderem auf eine Publikum der Motorpresse Stuttgart (Auto, Motor und Sport), Audio – Das Magazin für HiFi – High End – Surround – Musik. Besonders die Titelgeschichte ("Versaut schlechter Strom den Klang?") machte mich neugierig. Und schon im Editorial auf Seite 3 klärte mich der Chefredakteur dann persönlich auf:

Zweifelsfrei ist das Stromnetz mit Klirr verseucht, [...]


Das ist wirklich schlimm! Wieso habe ich davon noch nichts gewusst? Wie kann denn meine Stereo-Anlage ordentliche Musik abspielen, wenn ich sie mit schlechtem Billigstrom aus der Dose fütter'? (Immerhin ist der Bio.) Beziehungsweise, was ist ein "Klirr" überhaupt?

Doch der gute Mann von Seite 3 weiß mich sofort zu beruhigen, denn

Die meisten Komponenten sind von Hause aus so konzipiert, dass Strom-Müll ihnen klanglich nichts antut.


Die "Investitionen in stromverbesserndes Zubehör" seien aber dennoch kein "schlicht rausgeworfenes Geld". Zwar ließen sich "die akustischen Eigenschaften von Geräten mit sauberem und verdecktem Netz im Blindtest nicht auseinander halten", aber dies beweise nur, "dass über Nuancen gesprochen werden muss".

Willkommen in der Welt der eletktroakustischen Homöopathie! Dieses Editorial ist symptomatisch für das gesamte Magazin. Es ist angefüllt mit ganz vielen technischen Fachdingens für Menschen, die von Lautsprecherboxen und Plattenspielern im fünf- bis sechsstelligen Eurobereich träumen ("Referenzklasse"). Gemacht von Menschen, die einen Musiktitel guten Gewissens auf die Beschreibung "Audio Great Music 1, Track 1: Zombies" reduzieren* Von Menschen, für die das Album Cheap Thrills von Janis Joplin ist (immerhin sind die Rolling Stones nicht Mick Jagger). Dafür sieht sich der (zufällige) Leser mit einer unglaublichen Vielzahl von Klein- und Großanzeigen ("Der HiFi-Markt") konfrontiert und dem Gefühl, dass der Aufstieg aus dem elektroakustischen Subproletariat seeeehr viel Geld erfordert.

Bis dahin werde ich mir aber auch in Zukunft von den 5,30 Euro, die man in den Erwerb dieser Zeitschrift investieren muss, wieder irgendwas anderes kaufen.

* Ist die Aufnahme eigentlich komprimiert? Die Grafik sieht verdammt danach aus.

Sonntag, 11. Mai 2008

Darf's ein bisschen mehr sein?

Zuerst die gute Nachricht: Vinyl lebt!

Und jetzt die schlechte: Wir wollen nur Euer Geld, wie wir es bekommen ist uns egal!

Wenn man sich auf der Internetseite eines namhaften deutschen Musikversenders umsieht, findet man ziemlich schnell die Vinylausgaben zeitgenössischer Alben zu absolut phantastösen Preisen. Omnipräsentes (und meistens auch einziges) Mehrwert- und Qualitätsmerkmal: "180g" oder sogar "200g"

Nach der zwischenzeitlichen Marginalisierung des Dinglichen in der Musik durch CD und MP3 geht es nun schon seit Längerem wieder in die entgegengesetzte Richtung. Über die Qualität eines Tonträgers entscheidet heute offensichtlich sein Gewicht - je höher, desto besser.
Dabei ist der akustische Mehrwert dieser Schwergewichte gar nicht mal bewiesen. Sollte der Eigentümer dazu tendieren, seine Plattensammlung bei 50 Grad in der prallen Sonne aufzubewahren, sind die 180-Grammer gegenüber "normalem" Vinyl klar im Vorteil. Ist diese Formstabilität aber ein so großer Wettbewerbsvorteil? Wäre es nicht einfacher, statt dessen einigen Vollspacken einfach den Besitz von Schallplatten zu untersagen? (Dass Katzen in der Mikrowelle zwar unter Umständen trocknen, dafür aber auf jeden Fall sterben, ist den meisten Menschen doch auch klar.)

Ich behaupte, bei dem Gewichtsfetischismus der jüngeren Zeit stehen ganz eindeutig kommerzielle Interessen im Vordergrund. Und um das zu beweisen, gehen wir jetzt mal kurz ca. 39 Jahre zurück und sehen uns mal eine kleine Produktinformation an:


Die Schallplatte, die Sie in Händen halten ist eine dynaflex Platte.

Sie ist dünner als jede andere Schallplatte, die Sie jemals besessen haben.

Sie ist auch in vielen anderen Eigenschaften jeder anderen, die Sie jemals besessen haben, überlegen.

Sie ist freier von Oberflächenunvollkommenheiten.

Sie wird bei der Wiedergabe genau in der Spur bleiben.

Und ihr Leben wird wesentlich länger andauern, als das herkömmlicher Schallplatten.

Es ist die Schallplatte von morgen, Ihre schon heute.


Die Firma RCA hatte damals ein neues Schallplatten-Modell eingeführt. Dünnere, biegsame(re) Schallplatten sollten die klassischen Versionen ersetzen. Die Vorteile lagen auf der Hand: für die neuen Platten wurde nur neues Vinyl (später als "Virgin Vinyl" bekannt) verwendet - keine wiederverwerteten Reste, die irgendwelche Verunreinigungen enthalten konnten. Zusätzlich sollte sich die flexible Platte absolut flach der Oberfläche des Plattenteller anschmiegen - kein unnötiges Rumgewelle mehr.
Kritiker warfen RCA damals vor, man wolle mit dem neuen Format einfach Material- und Transportkosten sparen. Befürworter meinten eine tatsächliche Verbesserung des Klangs zu erhören.
Alles in allem führten die Qualitätskriterien und Zukunft des Vinyl damals also in die exakt entgegengesetzte Richtung als heute.
Ist die nervige Fixierung auf das Gewicht also nicht auf Seiten der Käufer nur der durchsichtige Versuch, dem Umstand entgegen zu wirken, dass winzige MP3-Player gigantische Musiksammlungen speichern können? Und will die Industrie nicht einfach für jeden Euro, den sie in die Veredelung ihrer Produkte steckt, vom Kunden zwei zurück haben?
Das ewige Werben mit den "180 Gramm" erinnert mich jedenfalls an die "ohne Fett"-Aufkleber auf Mineralwasserflaschen - völlig sinnfreies Marketing.

P.S.: Gescheitert ist die dynaflex damals auch daran, dass die Entwickler nicht an die unzähligen Koffergeräte mit ihren Plattentellern in Singlegröße gedacht hatten. Die Anschmiegsamkeit der neuen Platte vertrug sich mit diesen Geräten gar nicht. Mit 200g-Vinyl wäre das nicht passiert! ;-)